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Ein
einzigartiges Schauspiel ereignet sich jedes Jahr im Frühjahr. Wenn der Schnee
in den Bergen zu schmelzen beginnt und heftige Regenfälle den Fluß
aufwühlen, färbt sich das Wasser durch die eisenhaltige Erde rot. "Das
Blut des Adonis", so glaubten die Menschen, fließe aus der Grotte hinunter.
Aus der Grotte, in der der Verwundete starb, und die aufgrund dessen in römischer
Zeit jedes Jahr im Frühling zum Ziel der großen Pilgerreisen wurde.
Die Mythologie verlegte an diesen Ort die Geschichte der wunderbaren Liebe der
Aphrodite und des Adonis.
Der Adonismythos Zwei
Tage braucht die Prozession von Byblos zur Quelle des Adonisflusses. Weinend,
schreiend, sich die Haare raufend, sich immer wieder bis aufs Blut peitschend,
ziehen die Pilger in langer Schar bergan. In den Tagen vorher haben die Frauen
des Ortes Schalen mit Salatsamen in die pralle Sommersonne gestellt, am ersten
Tag haben sie gegossen, am zweiten nicht mehr, die gekeimten und gleich wieder
verwelkten Pflanzen hat man mitsamt den irdenen Töpfen in die Quellen geworfen.
Adonis ist tot, das Wasser in den Brunnen ist am Versiegen, nur noch der Adonisfluss
führt Wasser - ein dünnes Rinnsal. An der Quelle des Flusses angekommen,
dem gähnenden Eingang zu einem Reich unter der Erde, unermesslich und unerforschbar,
drängen die Pilger in den Hof des Tempels der Astarte-Atargatis, der Göttin
der Fruchtbarkeit, aber auch des Kampfes und des Todes. Adonis ist ihr Gefährte
und Geliebter, und nur sie kann ihn wieder zum Leben erwecken - in der Unterwelt.
Wenn die Gebete der Pilger erhört werden, wird es wieder Regen geben, werden
die roten Anemonen, die ersten Blumen der Regenzeit, zu blühen beginnen,
die Astarte-Atargatis aus den Blutstropfen des Adonis hervorgehen ließ,
wird sich das anschwellende Wasser des Flusses mit dem Blut des toten Gottes rot
färben und neue Fruchtbarkeit bringen. So oder ähnlich mag vor
3500 Jahren verlaufen sein, was uns erst Berichte aus viel späterer Zeit
überliefern. Historisch gesichert ist nur, dass es in Byblos und Afqa einen
Adoniskult gab, dessen Inhalt in etwa dem alten semitischen Mythos des Baal-Hadad
in Ugarit entsprach, wo er zum ersten Mal aufgezeichnet wurde: der Fruchtbarkeitsgott
oder Halbgott wird erschlagen und als Gott der Unterwelt neu geschaffen, es gab
also keine Wiederauferstehung im christlichen Sinne. Christliche Schriftsteiler
dürften versucht haben, den sehr starken und auch noch im 4. Jhdt. lebendigen
Kult umzuinterpretieren, Origenes und Hieronymus, die von Freudenfesten am dritten
Tag der Adonai, der Adonisfeste, berichten, geben möglicherweise eine Änderung
wieder, die auf christlichem Einfluss beruhte und dem alten Kult nur aufgestülpt
wurde - in älteren Quellen ist nur von Trauer und Verzweiflung die Rede.
Was aus dem Mythos selbst bekannt ist, wurde von der griechisch-römischen
Mythologie überformt, die rekonstruierbaren Reste westsemitischen Glaubens
sind wie sandgestrahlte Fassaden, wir sehen nur noch die allgemeinen Formen, keine
Details. Der Syrer Lukian hat in seinem Werk >De Syria Dea< über die
Adonai von Byblos geschrieben; die Auseinandersetzung darüber, wieweit er
neutral berichtet und ob er polemisch überzeichnet, geht nach wie vor weiter.
Ein griechisch-römischer Teilmythos lautet so: die Göttinnen Aphrodite
(Astarte/Venus) und Persephone (Göttin der Unterwelt) streiten um das Kind
Adonis. Zeus entscheidet, das Kind solle ein halbes Jahr in der Unterwelt, ein
halbes auf dem Olymp verbringen. Ein anderer, Ovid hat in den Metamorphosen beschrieben,
lässt Adonis durch einen Eber sterben, in den sich der eifersüchtige
Ares-Mars verwandelt hat, Aphrodite eilt zum Leichnam ihres Geliebten und beweint
ihn, aus dem Blut des Toten lässt sie Anemonen erstehen.
Quellenangabe
©
"Libanon" Dumont Reisetaschenbuch, Seiten
94, 95" - siehe Beschreibung |