|
Saida
(= Sidon, phönizisch: Saidoon), zählt zu den berühmten Namen des
Altertums. Aber von allen libanesischen Städten ist es die geheimnisvollste,
denn die Schätze und Zeugen seiner Vergangenheit sind in tragischem Ausmaße
geplündert und verstreut worden. Im 19. und beginnenden 20.Jhdt. haben Schatzsucher
und Amateurarchäologen wertvolle Fundgegenstände entführt, von
denen einige jetzt in ausländischen Museen zu sehen sind. Auch bis in
unsere Tage tauchen Gegenstände des alten Saida bei den internationalen Antiquitätenmessen
auf. Weitere Schätze liegen noch im Boden und warten auf systematische Ausgrabungen,
die angesichts der städtebaulichen Entwicklung immer schwieriger werden dürften.
Der Besucher von heute ist aufgefordert, sich anhand der verbliebenen Ruinen und
Überbleibsel eine Vorstellung vom Saida des Altertums zu machen.
Das Saida von heute, die größte Stadt im Süden des Libanon, präsentiert
sich als eine geschäftige Handelsstadt mit einer angenehmen konservativen
Atmosphäre. Seit der Perserzeit galt Saida als die Stadt der Gärten,
und selbst heute noch ist Saida von Orangen- und Zitronenhainen sowie Bananenplantagen
umgeben. Die ältesten Spuren der Besiedlung gehen bis ins 4. Jahrtausend
v.Chr. zurück, und wahrscheinlich reichen die Anfänge bis in die Steinzeit
(6000-4000 v.Chr.). Die Stadt wurde auf einem Vorgebirge gegenüber einer
Insel gebaut, die den Schiffen im Hafen Schutz vor Stürmen bot und auch als
Zufluchtsort bei militärischen Invasionen vom Landesinneren her diente.
Aber erst im 14.Jhdt.v.Chr. wird Saida in den Texten von El-Almarna erstmalig
erwähnt. Einige Jahrhunderte später wird es gezwungen, den Assyrern
Tribut zu zahlen. Mit Ägypten und den Städten der Ägäis unterhielt
Saida intensive Handelsbeziehungen. In Reichtum, Handel und religiöser Bedeutung
muss Saida alle anderen phönizischen Stadtstaaten übertroffen haben.
Saidas phönizische Epoche begann im 12.-10.Jhdt.v.Chr und erreichte ihren
Höhepunkt in der Zeit des persischen Reiches (550-330 v.Chr.). Die Stadt
leistete mit Schiffen und Seeleuten der persischen Landmacht wertvolle Hilfe im
Kampf gegen die Ägypter und die Griechen, was die Stellung der Könige
von Saida stärkte und die Perser bewog, in Saida einen königlichen Garten
anzulegen. Und es war auch in dieser Zeit, dass der Tempel von Eshmun errichtet
wurde. Die Erzeugung von Glas und des Purpurfarbstoffes waren in der phönizischen
Zeit die bedeutendsten Wirtschaftszweige. Der aus den Murexmuscheln gewonnene
Farbstoff war so kostbar, dass er als Symbol der königlichen Würde angesehen
wurde. Wie die anderen phönizischen Staaten wurde auch Saida das Opfer verschiedener,
aufeinander folgender Eroberer. Am Ende der persischen Ära vermochte die
Stadt 351 v. Chr. dem Ansturm des persischen Herrschers Artaxerxes III, der auch
Ägypten eroberte, nicht zu widerstehen. Die verzweifelten Sidonier schlossen
sich in der Stadt ein und zündeten sie an. Bei dem verheerenden Brand kamen
mehr als 40.000 Menschen ums Leben. Die so geschwächte Stadt leistete dem
Triumphzug Alexanders des Großen 333 v.Chr. keinen Widerstand, und damit
begann Saidas hellenistische Zeit. Unter den Nachfolgern Alexanders erfreute
sich Saida, die heilige Stadt der Phönizier, ziemlicher Freiheit und veranstaltete
Spiele und Wettkämpfe, an denen die besten Athleten der Region teilnahmen.
Als Saida wie die anderen phönizischen Städte unter römische Herrschaft
geriet, durfte es weiterhin seine eigenen Silbermünzen prägen. Die Römer
ihrerseits bauten ein Theater und errichteten andere größere Denkmäler
in der Stadt. In der byzantinischen Zeit verwüstete 551 v.Chr. ein großes
Erdbeben die meisten phönizischen Städte, und die berühmte römische
Rechtsschule aus Beirut fand Zuflucht in dem offensichtlich weniger betroffenen
Saida. Im Jahr 636 eroberten die islamischen Truppen die Stadt. 1111, fast
fünf Jahrhunderte später, nahmen die Kreuzritter unter dem Grafen Balduin,
dem späteren König von Jerusalem, die Stadt ein. Sie war unter den "Franken"
der Hauptort der Grafschaft Sagette, einer der vier Grafschaften des Königreiches
Jerusalem. 1187 verloren die Kreuzritter Saida an Saladin, eroberten es aber
zehn Jahre später, 1197, zurück und behielten es bis 1291, als die Mameluken
ihnen die Stadt für immer abnahmen. Im 15.Jhdt. war Saida einer der Häfen
von Damaskus und erlebte während des 17.Jhdts eine erneute Blütezeit,
als es der damalige Herrscher des Libanon, der Drusenfürst Fachreddin II
(1572-1635), förderte und die Christen unter seinen Schutz nahm. Vor allem
französische Kaufleute trieben einen lebhaften Handel mit Libanon und Syrien,
bis sie 1791 aus der Stadt vertrieben wurden. 1837 richtete ein starkes, Erdbeben
große Schäden an. 1840 wurde es im Verlauf kriegerischer Unruhen
in der Region von einer englischen Flotte beschossen. Danach führte es
bis ins 20.Jahrhundert hinein eine relativ unscheinbare Existenz, entwickelte
sich dann aber zu einem wichtigen Mittelpunkt von Handel und Landwirtschaft.
Französische Archäologen unter der Leitung von Ernest
Renan führten die ersten wirklich wissenschaftlich Grabungen
in der Stadt aus und legten die große Nekropole Magharat Ablun frei.
Zuvor war jedoch schon 1855 im Südosten der Stadt der heute im Louvre in
Paris zu sehende Sarkophag des Königs Eshmunasar entdeckt worden. 1937
fand man in verschiedenen Gebirgsortschaften oberhalb von Saida Gräber aus
der Mittleren Bronzezeit, und eine Reihe von systematischen Erforschungen wurden
in und bei Saida vorgenommen. Heute erreicht man Saida von Norden her über
eine breite, von Palmen gesäumte Autobahn. Und sogleich erblickt man
das Seekastell aus der Kreuzfahrerzeit und die modernen Hafeneinrichtungen.
Die Hauptstrasse ist voller kleiner Geschäfte, einschließlich der Konditoreien,
in denen die Süßigkeiten in kleinen Pyramiden angeordnet sind.
Saidas
Süßigkeiten sind
verdientermaßen berühmt, und man kann sich in den Konditoreien und
in den Souks ansehen, wie sie zubereitet werden. Zu den örtlichen Spezialitäten
gehören "senioura", ein köstliches Gebäck, "Halawiyat"
mit Mandeln und Pistazien verziertes Gebäck, und Jazarieh, ein Konfekt aus
Kürbis, Rosenwasser und Zuckersirup. Saida, Libanons drittgrößte
Stadt und Sitz der Regierung von Südlibanon, ist Handels- und Finanzzentrum.
Vor dem Krieg in Libanon war es ein Endpunkt einer Erdölleitung, heute fallen
die gewaltigen Vorrattanks für Erdöl auf. Die Altstadt im heutigen
Saida hat sich seit der Kreuzfahrerzeit entwickelt und bietet mit ihren Souks,
Karawansereien und mittelalterlichen Ruinen dem Besucher eine Fülle von Eindrücken.
Das an
der Seeseite der Altstadt gelegene Seekastell
wurde 1228
von den Kreuzfahrern errichtet, als sie den (dann doch nicht stattgefundenen)
Besuch des Kaisers Friedrich II. von Hohenstaufen erwarteten. Aber bis 1291 wurde
weiter am Kastell gebaut. Die mit dem Land durch eine Art von steinernem Brückensteg
verbundene Festung lohnt wegen des weiten Ausblicks auf den Hafen, die Altstadt
und die Berge eine Besteigung. Antike Säulen wurden wieder verwendet,
um den Mauern eine größere Widerstandsfähigkeit zu verleihen.
Der westliche Turm ist der besser erhaltene. Die Mameluken schleiften nach dem
Abzug der Kreuzfahrer das Seekastell und auch andere Seefestungen, um zu verhindern,
dass die Kreuzritter an der Küste wieder Fuß fassen könnten.
Gleich beim Seekastell ist das staatliche
Rasthaus,
das auf einer Uferterrasse in einem restaurierten mittelalterlichen Gebäude
mit Deckengewölben untergebracht ist, bietet gutes Essen und ist täglich
von 9 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts geöffnet. Die
Souks befinden
sich in der Altstadt, die sich zwischen der Seefestung und dem Ludwig-Kastell
erstreckt. Sie haben ihren malerischen, mittelalterlichen Charakter bewahrt sowohl
im Bezug auf die praktizierten Metiers als auch auf die hohen Gewölbe. Hier
findet man die Liebhaber der Narghile, Wasserpfeife, und des türkischen Kaffees.
Und am Markt beim Hafen verkaufen die Fischer ihren letzten Fang.
Khan el-Franj
"Karawanserei der Franzosen" ist das besterhaltene islamische Denkmal
in Saida. Emir Fachreddin soll es zusammen mit anderen Karawansereien zu Beginn
des 17. Jhdts. erbaut haben, um die Kaufleute und die Waren aufzunehmen. Der Khan
im Nordwesten der A1tstadt und nahe dem Hafen gelegen, wurde an die Franzosen
verpachtet und kam so zu seinem Namen. Der Baukomplex besteht aus der großen
und der kleinen Karawanserei und dem Konsulatsgebäude mit der Lateinischen
Kapelle. Der große Khan har in seiner Mitte einen großen Hof mit einem
Springbrunnen. Der Hof ist auf allen vier Seiten von Säulengängen und
Räumen umgeben. Von den zwei Stockwerken dient der untere dazu, die Waren
zu speichern und die Tiere unterzubringen, während der obere die Kaufleute
und Reisenden beherbergte. Der Khan ist französisches Eigentum, wie eine
Marmortafel am Eingang bestätigt. In der osmanischen Zeit residierte
hier der französische Konsul. Später wurde er einem Kloster als Schule
zur Verfügung gestellt. Die Hariri Stiftung hat inzwischen die große
Karawanserei von der französischen Regierung gepachtet und restauriert sie.
Die Anlage soll als Ausstellungs- und Kulturzentrum dienen. Das Konsulatshaus
wird gegenwärtig von der National School of' Saida genutzt, während
der kleine Khan von mehreren Familien bewohnt wird. Die Lateinische Kapelle ist
einstweilen der Maronitischen Kirchengutstiftung übertragen worden und wird
zur Zeit restauriert. Die
Große Moschee Südlich
des Souks liegt auf dem Weg zum Ludwig - Kastell die Große Moschee, ursprünglich
die Johannes- Kirche der Barmherzigen Brüder aus dem 13.Jhdt. Die aus der
Kreuzritterzeit stammende Anlage mit ihrem festungsartigen Charakter bietet noch
heute von der Seeseite her einen imposanten Anblick. Qalaat
EI Muizz, das Ludwigskastell Die
Ludwigsburg wurde während des Kreuzzugs ( 1248-1254) unter der Führung
von König Ludwig dem Heiligen auf der Ruine einer Festung des Fatimidenherrschers
Al Muizz aus dem 10. Jhdt. erbaut. Der heutige Zustand der Burgruine lässt
die verschiedenen Stadien der Restaurierung durch die Mameluken und durch Emir
Fachreddin zu Beginn des 17.Jhdts. erkennen. Zu Füßen des Ruinenhügels
liegt eine größere Zahl von römischen Säulen auf dem Boden
verstreut. Murex
Hügel Im
Süden der Zitadelle ist ein 100 m langer und 50 m hoher Hügel zu sehen,
der aus den gehäuften Abfällen der Purpurfarbenproduktion in der phönizischen
Zeit entstanden ist. Mosaiksteine, die auf dem Hügel gefunden wurden, lassen
vermuten, dass die Römer hier Gebäude errichtet haben, wo sich heute
moderne Häuser und ein Friedhof befinden. Reste von Murexmuschelschalen
sind noch am unteren Teil des heute fast unzugänglichen Hügels zu sehen.
Die
alten Häfen Der
antike " Ägyptische Hafen ", der südliche, Richtung Ägypten
orientierte Hafen, befindet sich gegenüber dem Ludwigskastell und dem Murex
Hügel. Der in der phönizischen Zeit sehr aktive Hafen ist im Laufe der
Jahrhunderte verschlammt. Das nördliche Hafenbecken dient nur dem örtlichen
Fischfang, denn Fachreddin ließ ihn im 17.Jhdt. auffüllen, um der türkischen
Flotte die Einfahrt zu verwehren. Die heute noch sichtbaren Reste des Hafens gehen
auf die römische Zeit zurück. Die
Nekropolen von Saida Die
drei bedeutendsten Nekropolen von Saida liegen außerhalb der antiken Stadtgrenzen
und wurden bis in die späte römische und frühe christliche Ära
benutzt: die Nekropole von Maghara Ablun, Fundort des Sarkophags von Eschmunazar
(jetzt im Louvre in Paris), und die königliche Nekropole von Aya unterhalb
des heutigen Dorfes Helalie, Fundort u.a. des Sarkophags der Klagenden Frauen
und (jetzt im Museum in Istanbul) die Nekropole von Ain el-Helwe im Südwesten
der Stadt, Fundort der berühmten anthropoiden Sarkophage (jetzt im Nationalmuseum
Beirut). Da diese Totenstädte in Wohngebieten liegen, werden hier keine Ausgrabungen
mehr unternommen. Ein südlich der Stadt gelegener Friedhof, bekannt als
Dekerman wurde bis in unser Jahrhundert hinein benützt und ist eine nicht
unbedeutende archäologische Stätte mit einer umfangreichen Säumung
von Fundgegenständen, meistens Sarkophage, Gräber, Fragmente, Inschriften
und Skulpturen. Auch Rundbaufundamente aus der Jungsteinzeit (ca.4000 v.Chr.)
wurden hier festgestellt. Quellenangabe:
©
"Libanon - Saida" Broschüre des Libanesischen Ministerium für
Tourismus |