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Das
phönizische Tyros war die Königin der Meere, eine Inselstadt
von ungeahnter Pracht. Ihre weit entfernten Kolonien, ihre Glasindustrie,
die Purpurfärberei, ihr blühender Seehandel machten Tyros
zu einer wohlhabenden Stadt, deren Reichtum wiederum die Begehrlichkeit
und den Neid mächtiger Eroberer erregte, unter ihnen König
Nebukadnezar II. von Babylon und Alexander der Große.
Die Gründung von Tyros geht in die Anfänge des 3. Jahrtausends
zurück. Im Alten Testament wird es bereits mehrfach als große
Stadt erwähnt, ebenso in der Korrespondenz von Tell el Amarna,
in der Mitte des 2. Jahrtausends.v.Chr. Ihr erstes Goldenes Zeitalter
scheint die Stadt erst im 1. Jhrtd. v. Chr. erlebt zu haben. Im
16. Jahrhundert v. Chr. ließ König Hiram zwei Inseln
durch einen Deich miteinander verbinden und vergrößerte
Tyros, indem er so dem Meer eine größere Landfläche
abrang.
Die Ausdehnung des mächtigen phönizischen Einflussbereichs
begann um 815 v. Chr., als Tyros Cadiz an der spanischen Atlantikküste
und Karthago in Nordafrika gründete. In der Folge entstanden
rund um das Mittelmeer und am Atlantik weitere Kolonien, und der
Seehandel blühte.
Aber Wohlstand und Macht schaffen sich ihre eigenen Feinde: Im 6.Jhdt.v.Chr.
belagerte der babylonische König Nebukadnezar II. dreizehn
Jahre lang die durch eine Stadtmauer geschützte Inselstadt,
und es ist wahrscheinlich, dass die Einwohner der Siedlung auf dem
Land sich aus Sicherheitsgründen in die Inselstadt zurückzogen.
Im Jahr 332 v. Chr. wandte sich Alexander der Grosse gegen das persische
Reich und bemühte sich zunächst, die strategisch wichtige
Position an der Küste des östlichen Mittelmeeres zu neutralisieren,
damit ihm die Perser bei seiner Expedition nicht die Versorgung
aus Griechenland abschneiden. Er griff Tyros an, das zunächst
sieben Monate lang seiner Belagerung widerstand, bis er einen Damm
in Richtung der Inselstadt baute, von dem aus dann seine Belagerungsmaschinen
die Stadtbefestigung zerstörten und den Truppen den Weg in
die Stadt ebnen konnten.
Es wird berichtet, dass die hartnäckige Verteidigung der Tyrener
Alexander so zornig gemacht hatte, dass er die halbe Stadt zerstören
ließ. Die 10 000 Einwohner der Stadt wurden entweder getötet
oder in die Sklaverei verkauft.
Mit dem antiken Syrien fiel 64 v. Chr. auch Tyros unter römische
Herrschaft. Jedoch durfte es weiterhin seine eigenen Silbermünzen
prägen. Die Römer errichteten zahlreiche bedeutende Denkmäler,
darunter auch einen Aquädukt, einen Triumphbogen und den größten
Pferderennplatz der Antike.
Tyros wird ebenfalls im Neuen Testament erwähnt. In der byzantinischen
Epoche war die Stadt Sitz eines Erzbischofs, der gleichzeitig das
Primat aller Bischöfe in Phönizien hatte. In Tyros fanden
drei Konzilien statt, und möglicherweise wurde hier die erste
Kathedrale der Christenheit gebaut.
Die Stadt erlebte in dieser Zeit eine zweite Blütezeit, wie
es die Ruinen seiner Bauwerke und die Inschriften in der Nekropole
bezeugen.
Dem Ansturm der islamischen Armeen setzte die Stadt keinen Widerstand
entgegen, und ihr Wohlstand dauerte auch unter den neuen Herrschern
an. Die Ausfuhr von Zucker sowie von Glaswaren und Perlen blühte.
Mit dem zunehmenden Verfall des fatimidischen Kalifats konnte Tyros
unter der Dynastie der Bani 'Aqils, Vasallen der ägyptischen
Fatimiden, seine Unabhängigkeit ausbauen. Während dieser
Periode wurde die Stadt mit Brunnen geschmückt, und die Basare
waren voll von Waren aller Art und Herkunft, einschließlich
von Teppichen und Gold - und Silberschmuck. Dank seiner starken
Befestigungen widerstand Tyros bis 1124 den Angriffen der Kreuzritter,
deren Herrschaft nach rund 180 Jahren die Mameluken im Jahre 1291
ein Ende bereiteten.
Zu Beginn des 16.Jhdts. ging die Macht an die Osmanen über,
die sie bis zum 1.Weltkrieg behielten, mit dessen Ende Tyros in
die neue libanesische Nation integriert wurde.
Seit fast 50 Jahren führt die libanesische Altertumsverwaltung
in Tyros Ausgrabungen durch, bei denen man sich vor allem auf die
römischen Stätten in der Stadt konzentrierte, die man
heute sehen kann.
Der bedeutendste archäologische Fund in jüngster Zeit
ist ein phönizischer Friedhof aus dem 1.Jahrtausend v. Chr.,
der M 991 bei geheimen Ausgrabungen entdeckt wurde und der erste
seiner Art im Libanon ist. Begräbniskrüge, Stelen mit
Inschriften und Schmuck gehören zu den Fundgegenständen.
Die Bedeutung der Stadt und ihrer Denkmäler wurde 1979 von
der UNESCO gewürdigt, als sie Tyros als Weltkulturerbe einstufte.
In der Zwischenzeit haben Bemühungen der Regierung weitgehend
die in den Kriegsjahren üblich gewordene Plünderung der
archäologischen Stätte unterbunden, denn wirtschaftlicher
Notstand in der Region und internationaler Nachfrage nach Antiquitäten
haben dem Tyros des Altertums schweren Schaden zugefügt.
Das Antike Tyros, der Bereich I
umfasst
die phönizische Insel mit einem weiten Gebiet voller ziviler
Bauten, Kolonnaden, öffentlicher Bäder, mosaikgeschmückter
Strassen und einer rechteckigen Arena.
Die Säulen, unweit des Strandes am Ende des Geländes gehörten
zu einer Palästra, einem Gymnasium, dem Trainingszentrum der
Athleten. Andere ausgegrabene Ruinen stammen aus der hellenistischen,
der römischen und der byzantinischen Zeit. In kurzer Entfernung
von der Küste sind die großen Wellenbrecher und Molen
des sogenannten Ägyptischen Hafens aus der Zeit
der Phönizier zu sehen. Der Hafen wurde so genannt, weil er
nach Süden, d.h. Richtung Ägypten blickt.
Der Bereich II
liegt
mit seiner Hauptsehenswürdigkeit, der Kreuzfahrerkathedrale,
fünf Minuten westlich. Nur die untersten Fundamente und eine
Reihe wiederaufgestellter Granitsäulen sind intakt und sehr
eindrucksvoll. Die darunter befindliche archäologische Schicht
weist ein Netz römisch-byzantinischer Strassen und anderer
Einrichtungen auf.
Derzeit ist dieser Bereich für Besucher noch geschlossen, aber
man hat außerhalb der Absperrung gute Sicht.
Bereich III
liegt
dreißig Minuten zu Fuß von den beiden anderen Bereichen
und besteht au einer ausgedehnten Nekropole, einem dreibögigen
Triumphbogen und der bisher größten Pferderennbahn, alles
aus dem 2. und 3. Jhdt.n.Chr. Die Nekropole wurde 1962 ausgegraben,
wobei Hunderte von verzierten Steinen und Marmorsarkophagen aus
der römischen und byzantinischen Epoche zutage gefördert
wurden.
Auch die Fundamente einer byzantinischen Kirche wurden freigelegt.
Der Bogengang überspannt die römische Strasse, die in
die antike Stadt führte und an der entlang ein Viadukt verläuft,
der die Stadt mit Wasser versorgte.
Südlich der Nekropole befindet sich das 1967 freigelegte und
seitdem teilweise restaurierte römische Hippodrom. Die 480
m lange Anlage fasste 20000 Zuschauer, die den dramatischen Wagenrennen
beiwohnen wollten, bei denen der Tod immer wieder herausgefordert
wurde. Jedes Ende der Rennstrecke war durch noch sichtbare, steinerne
Wendepunkte (metae) gekennzeichnet. Die Wagenlenker mussten siebenmal
die Rennbahn bewältigen, deren gefährlichstes Moment die
Umrundung der Wendemarken bei höchster Geschwindigkeit war,
was oft zu spektakulären und manchmal auch tödlichen Stürzen
führte.
Der Spaziergang zum Bereich III führt durch ein Wohnviertel
von Tyros, genannt Hay er-Raml, d.h. das Sandviertel, denn man befindet
sich auf dem Damm, den Alexander der Große anlegen ließ,
um Tyros endlich zu bezwingen. Sand und Steine haben die Fläche
dieses Dammes so groß werden lassen, dass der heutige Besucher
den Eindruck bekommt, die Stadt wäre auf einer Halbinsel gebaut.
Quellenangabe:
©
"Libanon - Tyrus" Broschüre des Libanesischen Ministerium
für Tourismus
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